Stress durch Perfektionismus

Perfekt organisiert, doch ständig unzufrieden

Frau Meier führt ein Bilderbuchleben. Sie ist Projektleiterin in einem großen Konzern, mit ihrem Mann bewohnt sie ein Haus am Stadtrand und der 3-jährige Sohn besucht die bilinguale Kita nahe der Firma. Ihr Leben ist bestens organisiert: ihr Mann und sie teilen sich nach vorheriger Absprache die häuslichen Aufgaben und die Betreuung des Sohnes, die Oma springt bei unvorhersehbaren Ereignissen ein. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheint also gut zu klappen. Dennoch fühlt sie sich oft unzufrieden und im Stress. Dass Stress durch Perfektionismus erst entstehen kann, ist ihr wohl bekannt.

 

Und doch quält Frau Meier eine ständige Unruhe! Oft kann sie ihre Gedanken nicht zur Ruhe bringen, sie fühlt sich unzufrieden und ständig leicht gereizt.

„Was ist bloß los mit mir?“, fragt sie sich immer wieder.

Ihre Arbeit fordert sie ohne zu überfordern und mit ihrem Team kommt sie gut zurecht. Ihre Familie liebt sie über alles. Sie hat ein schönes Heim und finanzielle Sorgen kennt sie nicht.

Stress durch zu viel PerfektionismusStress durch Perfektionismus

In langen Gesprächen schildert Frau Meier ihren Perfektionismus. Sie kann Fehler und Schlampigkeit nicht leiden, weshalb sie besonders sorgfältig an all ihre Aufgaben geht: Präsentationen  sind immer verbesserungsfähig, alle Listen müssen bis auf die letzte Kommazahl stimmen, Mitarbeiter sind intensiv zu schulen und zu instruieren, Pünktlichkeit ist selbstverständlich. Diesen Anspruch erfüllt Frau Meier auch privat. Der Kleine wird gefordert und gefördert, das Haus ist picobello und es wird nur frisch gekocht.

Frau Meier ist sehr stolz auf diese Eigenschaft. Und das auch zu recht! Denn ohne den Ansporn gründlich und genau zu sein, könnte sie in ihrem Beruf nicht bestehen.

Jedoch ist aus diesem Ansporn ein strenger innerer Antreiber geworden, der sie nicht zur Ruhe kommen lässt und dadurch Stress auslöst.

Menschen mit einem extremen Antreiber „Sei perfekt“ sind meist gründliche und zuverlässige Experten. Was sie unzufrieden und unruhig werden lässt, ist, dass sie in ALLEN Bereichen – also beruflich und privat:

  • Angst haben, zu versagen;
  • Perfektion anstreben ohne Rücksicht auf Kosten und Aufwand;
  • nicht mit einer 99 % Zielerreichung zufrieden sein können, sondern nur mit 110 %;
  • die Messlatte immer höher legen;
  • eine übertriebene Selbst- und Fremdkritik an den Tag legen;
  • zur Pedanterie neigen.

Perfektionismus ja, aber nicht immer und überall

Als erster hilfreicher Schritt für Perfektionisten könnte sein, sich zu überlegen:

  • in welchem Bereich reicht weniger am ehesten;
  • welche Werte sind tatsächlich meine eigenen und welche habe ich übernommen oder habe sie aufgedrückt bekommen;
  • welches Ziel will ich damit erreichen;
  • welche Möglichkeiten gäbe es noch, dieses Ziel zu erreichen;
  • stimmt mein Ziel noch?

 

Es ist ganz typisch für Perfektionisten, dass sie immer vermeintlich gute Gründe finden, weiterhin alles mit 110 % erledigen zu müssen. So erzählte ein Geschäftsführer voller Inbrunst, dass er seinen Stress am besten durch Bewegung an der frischen Luft abbauen könne. Mittlerweile schaffe er seine Laufstrecke in 36 Minuten und 34 Minuten wären jetzt sein neues Ziel. Auf die Frage, warum er denn eine Leistungssteigerung anstrebe, wo es doch eigentlich um Entspannung gehen solle, erklärte er ausführlich das Zusammenspiel von Atmung und Muskulatur und deren Auswirkung auf die Kondition und damit das Resultat: Stillstand = Rückschritt. Und Rückschritte will ja nun wirklich niemand. Sein eigentliches Ziel – nämlich zu entspannen – hat er völlig vergessen.

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PraxisTGK
 

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